Neu Tramm. Künftig ist weltweit mit mehr Waldbrandkatastrophen als bisher zu rechnen. Schon jetzt werden jedes Jahr viele Millionen Hektar durch Flammen vernichtet, aber durch den Klimawandel und den damit verbundenen Temperaturanstieg steigt die Gefährdung noch. Für Deutschland ist nicht unbedingt eine Zunahme zu erwarten, bei geringen Gefahren im Frühjahr wird sich die Lage jedoch in den Sommern verschärfen. Dies machte Professor Johann G. Goldammer bei einer Veranstaltung zur Erinnerung an die Waldbrandkatastrophe von 1975 in Neu Tramm deutlich.

Der Wissenschaftler von der Universität Freiburg ist Mitglied der Arbeitsgruppe Feuerökologie beim Zentrum für globale Feuerüberwachung und ein international angesehener Fachmann. Er arbeitet nach eigenen Angaben an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Seine Ausführungen wurden im Historischen Feuerwehrmuseum von mehr als 150 Zuhörern mit großem Interesse aufgenommen.

Veranstaltungsreihe im Museum
Mit dem Vortrag Goldammers zum Thema "Waldbrände - Geißel der Zukunft" hat eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des Kreisfeuerwehrverbandes und des Feuerwehrmuseums zur Waldbrandkatastrophe von 1975 begonnen. Der Erinnerung an die Ereignisse von damals dient eine am selben Abend eröffnete Sonderausstellung von Dr. Michael Herrmann. Der Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks und seine Unterstützer haben umfangreiche Informationen über die Katastrophe und viele Bilder zu einer eindrucksvollen Darstellung zusammengefasst.

Dem Waldbrand im August fielen in den Kreisen Celle, Gifhorn und Lüchow-Dannenberg über 8000 Hektar Wald-, Moor- und Heideflächen den Flammen zum Opfer. Rund 34.000 Helfer der Feuerwehren, von der Bundeswehr, der Polizei, vom Technischen Hilfswerk und vom Zoll sowie Angehörige von Hilfsorganisationen stellten sich tagelang dem Feuer entgegen. Fünf Blauröcke fanden bei Meinersen im Landkreis Gifhorn den Flammentod.

Die Brände begannen am 8. August im Landkreis Gifhorn, einen Tag später in Celle. Für Lüchow-Dannenberg brachte Dienstag, der 12., die Katastrophe. Innerhalb weniger Stunden wurden im Raum Gartow/Trebel riesige Wald- und landwirtschaftliche Fläche vernichtet. Mehrere Dörfer waren bedroht und mussten evakuiert werden. Durch ihre aufopfernde Arbeit brachten die übermüdeten und ausgelaugten Helfer das Feuer bis zum 17. August unter Kontrolle.

Neue Ansätze suchen
Claus Bauck blickte als Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes in seiner Begrüßung auf die entscheidenden Tage zurück: „Es war eine verheerende Katastrophe.“ Der Kreisbrandmeister dankte den Sponsoren, die sowohl die Veranstaltungsreihe als auch die Ausstellung erst möglich gemacht haben. Die Stiftung des Versicherers VGH, die Volksbank Osterburg-Lüchow-Dannenberg, der Lüneburgische Landschaftsverband, der Landkreis sowie der Museumsverein Lüchow-Dannenberg haben sich ebenso großzügig gezeigt wie die Firma DiBuKa, die Dienstleistungen im Brand- und Katastrophenfall anbietet.

Auf die damals trotz erheblicher Ausstattungsmängel gezeigte Leistungsfähigkeit der hiesigen Feuerwehren und die heute wesentlich bessere Ausstattung wies Landrat Jürgen Schulz hin: „Lüchow-Dannenberg hat aus den Ereignissen gelernt, dies haben nicht zuletzt die Hochwasser der letzten Jahre gezeigt.“ Der Lernprozess war auch dringend geboten, denn während der größten Waldbrandkatastrophe in Deutschland seit Menschengedenken herrschte nicht nur das Feuer sondern oft auch Chaos. Strukturelle Mängel, Kirchturmperspektive und überforderte Politiker erschwerten den aufopfernden Einsatz der Helfer. Weil Politik und Verwaltung auf ihre Feuerwehrführer vertrauten lief es im Landkreis Lüchow-Dannenberg noch am besten.

Goldammer forderte vor seinen Zuhörern „neue Ansätze und eine bessere Ausbildung der Feuerwehren für eine effektivere Waldbrandbekämpfung“. Dabei stellte er fest, dass einfache Mittel wie Feuerpatschen und „Rucksackspritzen“ oft sinnvoller sind als Großeinsätze mit mehreren Tausend Helfern zu Lande und in der Luft. „Mit dem Feuer leben, mit dem Feuer arbeiten“ bedeutet für den Wissenschaftler, dass auch das kontrollierte Abbrennen von Flächen zur Waldbrandbekämpfung gelehrt und ausgebildet werden muss.

Eine ernsthafte Bedrohung
Dies haben, so der Professor, Untersuchungen und praktische Versuche im Bundesland Brandenburg eindrucksvoll gezeigt. Kontrolliertes Abbrennen dient aber auch der Landschaftspflege, da viele Flächen heute nicht mehr gemäht oder beweidet werden und somit verwildern. Goldammer stellte fest, dass Feuer auch wertvollen Lebensraum für Flora und Fauna bewahren und schaffen kann: „Wildtierarten kehren zurück und bleiben dort. Die Ergebnisse können sich sehen lassen.“

Der Wissenschaftler unterschätzt die Gefahr durch Waldbrände in keiner Weise. Studien zeigen, dass immer dann wenn solche Feuer zu heftig, am falschen Ort, zu einem ungewöhnlichen Zeitpunkt oder zu häufig auftreten, das Ökosystem aus den Fugen geraten ist. In diesen Fällen stellen Waldbrände weltweit eine ernsthafte Bedrohung dar. Dies gilt vor allem für riesige Flächenfeuer wie in Südamerika oder derzeit in Russland, die in ihrem Ausmaß die Ereignisse in Niedersachsen 1975 weit in den Schatten stellen.

Professor Goldammer berichtete abschließend über moderne Möglichkeiten der Feuervorhersage- und überwachung bis hin zum Einsatz von Drohnen und Satelliten im Weltall. Dabei schlug er den Bogen zu den Ereignissen vor 40 Jahren: „Hier gibt es enorme technische Entwicklungen, die auf die Aufarbeitung der Katastrophe von 1975 zurückgehen.“

Nach dem mit großem Interesse aufgenommenen Vortrag besuchten die Gäste die Sonderausstellung. Der Abend endete mit intensiven Fachgesprächen zwischen den Vertretern aus Politik und Verwaltung, Feuerwehrangehörigen von nah und fern, den Angehörigen der Bundeswehr und der Hilfsorganisationen sowie den Sponsoren. Die nächste Veranstaltung im Museum zu diesem Thema findet am 5. Juni 2015 statt.

2015 04 18 01
Die Feuerwehren stellten sich trotz unzureichender Ausrüstung den Flammen entgegen
2015 04 18 02
v.l.: Landrat Jürgen Schulz, Kreisbrandmeister Claus Bauck, Prof. Johann G. Goldammer und Dr. Michael Herrmann
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Professor Dr. Dr.h.c. mult. Johann G. Goldammer forscht an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis
2015 04 18 04
Vertreter des Sponsors DiBuKa mit Dr. Michael Herrmann (li.).
Professor Johann G. Goldammer (Mitte) und Kreisbrandmeister Claus Bauck (re.)

Bericht und Bilder: Johann Fritsch