Donnerstag, 24. Oktober 2019

Acht Thesen zur Waldbrandbekämpfung

thw logoDurch eine Vielzahl veränderter Parameter ist ein Umdenken in der Waldbrandbekämpfung erforderlich. Die nachfolgenden Thesen zeigen die Schwerpunkte künftiger Herausforderungen der für die Waldbrandbekämpfung Verantwortlichen heraus. Diskussion und Kritik sind erwünscht!

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Durch eine Vielzahl veränderter Parameter ist ein Umdenken in der Waldbrandbekämpfung erforderlich. Die nachfolgenden Thesen zeigen die Schwerpunkte künftiger Herausforderungen der für die Waldbrandbekämpfung Verantwortlichen auf.

1. Klimawandel und demografische Entwicklung erfordern ein taktisches Umdenken!

Der Klimawandel ist eine nicht mehr hinwegzudiskutierende Tatsache. Bereits jetzt sind die Auswirkungen zu spüren. Dies gilt auch für „Waldbrandlagen“, wie sie insbesondere in den Frühjahren 2010 und 2011 zu beobachten waren. Mittel- bis langfristig sind folgende Erscheinungen möglich:

- Eine länger andauernde Waldbrandsaison
- Eine wesentlich höhere Gefährdungslage infolge längerer Trockenperioden im Frühjahr/Sommer;
1 Damit einhergehend eine Intensivierung von Feuern im Falle eines Brandes; d.h. längere Trockenheit
   und niedrigere Luftfeuchtigkeit tragen dazu bei,dass die Feuer „heißer“ und intensiver brennen;
2 Die veränderte Klimalage wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Zunahme des Bodenbewuchses durch Gräser,
   insbesondere der Drahtschmiele führen, da diese vom Mehrangebot von CO2 profitieren
   (Wenzel: Bewertung ausgewählter Waldfunktionen unter Klimaänderung in Brandenburg m.w.N.);
3 Dies wiederum bedingt eine höhere Ausbreitungsgeschwindigkeit der Feuerlinie sowie eine höhere und
   intensivere Flammbildung (Hille: Ansätze zur Waldbrandbekämpfung in Kiefernbeständen. 
   Hille stellt in Beständen mit Drahtschmiele eine bis zu 150 cm hohe Flammbildung des Bodenfeuers fest)
4 Durch erhöhte Nachttemperaturen besteht die Gefahr, dass die in den Abendstunden üblicherweise
   eintretende Taubildung ausbleibt, sodass das Feuer auch nachts mit nahezu unverminderter Intensität weiterbrennt
   (ein Phänomen, das bereits während des verheerenden Brandes 1975 zu beobachten war
   und erheblich zur Ausbreitung des Feuers beitrug);

Verschärft wird die klimatische Änderung durch den demografischen Wandel: Da Gegenden mit ausgedehnten Waldgebieten besonders unter dem demografischen Wandel leiden, wirkt sich dies zwangsläufig auch auf die Mannschaftsstärke, perspektivisch auch auf den Bestand von Ortswehren aus. Die wachsenden Mobilität der Gesellschaft fordert zusätzlichen Tribut: Arbeitsbedingte Tagabwesenheit von Feuerwehrangehörigen führt zu einer weiteren Schwächung der vor Ort verfügbaren Wehren. Der demografische Wandel führt aber nicht nur zu einer Reduzierung der Einsatzkräfte. Er erhöht zudem deren Durchschnittsalter. Dies zieht zwangsläufig die Abnahme der physischen Belastbarkeit der Einsatzkräfte nach sich.

All diese Faktoren haben unmittelbare Auswirkungen auf künftige Brandvermeidungsstrategien bzw. Maßnahmen der Brandbekämpfung. Perspektivisch muss verstärkt darüber nachgedacht werden, sich ab einer bestimmten Größenordnung des Feuers zunehmend auf Defensivtaktiken zu beschränken, da Feuerverhalten und ein Mangel an verfügbarem, physisch belastbaren Personal eine verantwortungsvolle Angriffstaktik nur noch beschränkt zulassen.

2. Der Wegfall des Feuerwehrflugdienstes erhöht das Risiko von Großbränden!

Die niedersächsische Landesregierung ist entschlossen, die Überwachungsflüge des Feuerwehrflugdienstes einzustellen. Das ins Feld geführte Argument, die Flüge seien überflüssig, da man nunmehr über die kameragestützte Waldbrandfrüherkennung verfüge, ist sachlich falsch: Die frühzeitige  Erkennung von Waldbränden ist nur eine der Aufgaben des Feuerwehrflugdienstes. Eine mindestens ebenso wichtige Aufgabe ist das Heranführen der Einsatzkräfte an die Brandstelle und die Überwachung der Löscharbeiten aus der Luft. Soweit die Landesregierung ausführt, diese Aufgabe könne auch bei einer Nachalarmierung des Flugdienstes im Brandfall wahrgenommen werden, ist dies nicht durchdacht: Es ist unbestritten, dass die kameragestützte Waldbrandüberwachung ein wichtiger Baustein der Waldbrandfrüherkennung ist. Wird jedoch ein Feuer erkannt, so ist es über dieses System nicht möglich, die eingesetzten Wehren „zielgenau“ zum Brandherd zu führen. Diese müssen den Anfahrtweg zum Feuer erst mühsam aus Bodensicht erkunden. Jeder, der schon einmal vor dieser Aufgabe stand, weiß, wie zeitaufwendig diese Suche in waldreichen Gebieten bei Feuern abseits des Wegenetzes sein kann. Dem kann nicht durch die Nachalarmierung des ehrenamtlichen Flugdienstes entgegen gewirkt werden. Bis zum Eintreffen des nachalarmierten Flugdienstes meldet die Einsatzleitung im Idealfall „Feuer aus“; im „worst case“: „Feuer außer Kontrolle“.

Die Zeit, die durch die Suche der Bodenmannschaft nach dem Brandherd verloren geht, steht auf der „Habenseite“ des Feuers. Verschärft wird dieser Zeitverlust durch den demografischen Wandel (s. hierzu oben unter 1.). Geringere Schlagkraft der Wehren im Erstangriff spielen einem Entstehungsbrand weiter in die Karten. Diese Gemengelage ungünstiger Faktoren führt zu einer einfachen Gleichung: Schwächung der Wehren in der Fläche + Zeitverlust durch fehlende Heranführung an den Brandherd = höheres Risiko für die Ausbreitung eines Entstehungsbrandes zum Großfeuer (Anmerkung: Dass diese Gleichung nicht aus der Luft gegriffen ist, dürfte seit dem Großbrand bei Bombeck in Sachsen/Anhalt 2010 verdeutlicht worden sein!). Der demografische Wandel ist nicht aufzuhalten. Die uneingeschränkte Beibehaltung des bewährten Flugdienstkonzeptes ist aus den genannten Gründen eine politische Notwendigkeit!

3. Die Ausbildung in der Waldbrandbekämpfung muss intensiviert werden!

Der wachsenden Gefährdungslage sowie der Veränderung der Gesellschaft, zu der auch eine Verstädterung und zunehmende Entfremdung von Naturphänomen wie Waldbränden gehört, muss auch in der Ausbildung Rechnung getragen werden. Bereits bei den verheeren Waldbränden in Niedersachsen 1975 wurde beobachtet, dass „Stadtwehren“ nur bedingt waldbrandtauglich waren – oftmals allein aus der Unkenntnis über Zusammenhänge des Waldbrandes sowie der Tatsache, dass das Heulen und die Flammenfront eines im Vollbrand stehendes Bestandes eine erhebliche psychische Wirkung auf die Einsatzkräfte entfalteten. Dem muss künftig durch eine Intensivierung der theoretischen und praktischen Ausbildung der Waldbrandbekämpfung begegnet werden. Die oftmals zu beobachtenden „Vorfahren - Schlauch ausrollen – Wald nass machen – Schlauch einrollen – Wegfahren“ – Übungen sind hierzu nicht geeignet. Es muss auch vermehrt der Umgang mit „Handgerät“ geschult werden – Dies gilt im Übrigen für sämtliche KatS – Einheiten in waldreichen Gebieten und nicht nur für die Feuerwehren (s. hierzu nachfolgend 4.).

4. Die Lücke, die durch den Rückzug der Bundeswehr aus der Fläche entsteht, muss geschlossen werden!

In den Punkten 1.-2. ist ausgeführt worden, welche Faktoren das Entstehen von Großbränden begünstigen. Konnte bisher in einem solchen Fall schnell auf den „Ressourcentank“ Bundeswehr zurückgegriffen werden, kann nach der Bundeswehrstrukturreform nicht mehr auf eine unverzügliche Heranführung von Bundeswehreinheiten, wie sie durch eine sich dynamisch entwickelnde Waldbrandlage erforderlich ist, zurückgegriffen werden. Dies hat weitreichende Bedeutung für die Einsatzleitung: Es ist weitgehend hoffnungslos geworden, zu erwarten, dass eine Ortschaft durch das Anlegen einer Schneise durch Pionierpanzer  gehalten werden kann, die drei Stunden nach Ausbruch eines Feuers vor Ort eintreffen (wie 1975 die Ortschaft Trebel). Es müssen Alternativkonzepte her (s. hierzu nachfolgend 5.)!  
Gleiches gilt für den Rückgriff auf „Manpower“. Hier gilt wie bisher der Grundsatz: „Hilf dir selbst und deinem Nachbarn“, jedoch im verstärkten Maße. Zeichnet sich daher ab, dass ein Feuer droht, sich zu einem Großbrand auszubreiten, sind sämtliche verfügbaren örtlichen KatS-Kräfte zur Brandbekämpfung heranzuziehen. Gleichzeitig muss bereits früh für Nachführungen aus Nachbarkreisen gesorgt werden, um rechtzeitig notwendigen Personalaustausch vorzunehmen.

5. Es müssen Einsatzpläne für den Schutz von Infrastruktur erarbeitet werden!

Da sich die Wahrscheinlichkeit für Großbrände erhöht und in diesem Fall nicht mehr auf eine schnelle Unterstützung durch die Bundeswehr gerechnet werden kann, sind vorbereitend Maßnahmen und Einsatzpläne für den Schutz besonders bedrohter Ortschaften und Infrastrukturen in unmittelbare Waldnähe festzulegen. Aus waldbaulicher Sicht ist das Anlegen zusätzlicher Riegelstellungen vor entsprechenden Örtlichkeiten zu fordern. Parallel sind Überlegungen anzustellen, ob angesichts des demografischen Wandels Infrastrukturen in Waldnähe „um jeden Preis“ aufrechterhalten werden müssen.

Es steht außer Frage, dass auch diese Riegelstellungen verteidigt werden müssen, insbesondere gegen Flug- und durchlaufendes Bodenfeuer. Die Verteidigung dieser Stellungen ist jedoch weniger personal- und materialintensiv und trägt dem demografischen Wandel daher Rechnung.

Wo die Umsetzung dieser Überlegungen nicht möglich ist, muss ein „mobiles Verteidigungskonzept“  erarbeitet werden. In diese Überlegungen sind die Anlieger einzubeziehen. In den USA sind derartige Konzepte Grundlage der taktischen Ausbildung der Feuerwehren und haben sich durchweg bewährt. Die dortigen Erfahrungen und Verhaltensgrundsätze können auch hier genutzt werden. Diese müssen jedoch in die Ausbildung der örtlichen KatS-Angehörigen Eingang finden.

Für besonders gefährdete Lagen bietet sich zudem das Sprenglöschverfahren an, dass von THW-Sprengberechtigten zur gezielten Verteidigung von Objekten eingesetzt werden kann. Eine weitere mögliche Alternative ist das Anlegen von Schaumsperren, die jedoch nur das Bodenfeuer „abriegeln“.

6. Die PSA der Einsatzkräfte muss für den Waldbrandeinsatz optimiert werden!

Wie unter 1. dargelegt, führt der demografische Wandel zu einer „Alterung“ verfügbarer Einsatzkräfte. Diesem Umstand kommt angesichts des „Knochenjobs Waldbrandbekämpfung“ (Strahlungswärme, hohe Außentemperaturen, körperliche Schwerarbeit, Gefahr der Dehydration) eine besondere Bedeutung zu. Es muss daher alles Erdenkliche getan werden, um die physischen Belastungen der Einsatzkräfte so gering wie möglich zu halten. Dies bedeutet neben einer ausreichenden Versorgung mit Kaltgetränken eine den äußeren Umständen angepasste Einsatzbekleidung. Die reguläre Einsatzbekleidung mit Überhose, Überjacke und Metallhelm ist für den Waldbrandeinsatz wegen der Gefahr der Überhitzung der Einsatzkräfte nicht geeignet. Es ist vielmehr die Beschaffung leichter „Waldbrandeinsatzkleidung“ nach dem Vorbild der US-Waldbrandeinsatzeinheiten zu fordern.

7. Die Ausrüstung der Einsatzfahrzeuge in Waldbrandgebieten muss den Besonderheiten des Waldbrandeinsatzes Rechnung tragen!

Der Gefahr intensiverer und sich schneller ausbreitender Feuer wird zum Teil heute schon durch die moderne Waldbrandfrüherkennung („FireWatch“) Rechnung getragen. Mittelfristig wird es jedoch nicht nur darauf ankommen, dass Feuer früh zu erkennen, sondern so rechtzeitig ausreichend Löschmannschaften an den Brandherd zu bringen, dass sich rasch ausbreitende Entstehungsbrände rechtzeitig angehalten und eingedämmt werden können. Es wird sich jedoch zunehmend schwierig gestalten, den Wettlauf mit dem Feuer zu gewinnen, wenn zum einen quantitativ weniger und darüber hinaus qualitativ weniger belastbare Einsatzkräfte und -fahrzeuge (für die Waldbrandbekämpfung nahezu ungeeignete TSF-W auf „Schönwetterfahrgestellen“) zur Verfügung stehen. Eine mögliche Antwort ist der Einsatz „bewaffneter Aufklärer“ in besonders gefährdeten Zeiten, etwa Patrouillenfahrten mit kleinen, geländegängigen, wasserführenden Fahrzeugen, die mit einer Schnellangriffseinrichtung versehen sind. Entsprechende Einheiten werden im Mittelmeerraum und in den USA bereits eingesetzt.

Eine weitere Option ist die Zusammenfassung kleiner taktischer wasserführender Einheiten auf Samtgemeindeebene, die unter einheitlicher Führung als erste Einheit in das Gefecht geworfen werden, sodass es möglichst schnell gelingt, dem Feuer die Wucht zu nehmen. Ideal wäre die Aufstellung mehrerer solcher Einheiten nicht nach Samtgemeinden, sondern ggf. auch samtgemeindeübergreifend nach vorher festzulegenden Abschnitten.

In jedem Falle sollte jedoch bei jeder Fahrzeugneubeschaffung in Gemeinden mit Waldgebieten der Beschaffung von geländegängigen TLF eindeutig der Vorzug vor der Beschaffung von TSF-W oder ähnlichen Fahrzeugen mit geringem Einsatzwert abseits asphaltierter Straßen gegeben werden.

8. Der Einsatzleitung ist ein meteorologischer Fachberater zur Seite zu stellen!

Den „Wetterfröschen“ kommt bisher nicht die ihnen gebührende Achtung bei der Planung eines Waldbrandeinsatzes zu. Das ist verwunderlich, da das Wetter Hauptfaktor der weiteren Entwicklung des Feuers ist. So bestimmen Wind und Luftfeuchte im wesentlichen die Ausbreitungsgeschwindigkeit und Intensität der Front. Plötzliche Windrichtungsänderungen und damit notwendige Verlegungen der Einsatzschwerpunkte sind aufgrund meteorologischer Beratung prognostizierbar und werden dennoch vernachlässigt. Ein besonderes „Lehrstück“ ist die Ausbreitung des Brandes bei Eschede im August 1975. Aufgrund einer Windrichtungsänderung in den Morgenstunden entwickelte sich die Flanke eines eigentlich unter Kontrolle geglaubten Feuers zu einem der bislang größten Feuer in Deutschland – die (vorhersehbare) Änderung der Windrichtung hatte keinen Eingang in die Einsatzführung gefunden.

Es ist an der Zeit, zu handeln und in die Diskussion einzusteigen. Ein „weiter so“ gefährdet Einsatzkräfte, Infrastruktur und Zivilbevölkerung.

Dr. Michael Herrmann
THW – Ortsbeauftragter
OV Lüchow

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Quelle: Deutsche Wetterdienst
Letzte Aktualisierung 01/01/1970 - 01:00 Uhr

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